Der Wecker riss mich aus meinem wohlverdienten Schlaf und beendete kurz darauf sein kurzes und unglückliches Maschinenleben mit einem Flug aus dem Fenster, dass ich dummerweise zuvor nicht geöffnet hatte. Ich kroch weiter unter die Decke, denn wenn ich schon unter einer meterdicken Schneedecke ersticken musste, wollte ich das wenigstens im Warmen genießen. Es war Samstag und ich verfluchte mich dafür vergessen zu haben, den metallenen Hahn-Ersatz nicht ausgestellt zu haben.

Moment! Ich hatte ihn doch absichtlich gestellt. Wie Schuppen, oder in diesem Fall besser gesagt, wie Schneeflocken fiel es mir vor meine entzündeten Augen: Ich erwartete Besuch zum Essen. Die bucklige Verwandtschaft hatte sich angemeldet. Ich sprang aus dem Bett und mit Panik in den Augen realisierte ich, dass Tante Mathilda mit Sicherheit wieder ihre Satansbrut mitbringen würde. Verdammt! Wieso war eigentlich eine nachträgliche Abtreibung eines Zehnjährigen verboten? Als ob Mathilda nicht schon reichte. Und Tante Ursel würde mit Sicherheit diesen kleinen inkontinenten Pinscher mitbringen, der mindestens einmal zuviel gegen den Baum gerannt ist. Als meine Gedanken zu Onkel Herbert schweiften griff ich gedanklich zu einer 38’ger und richtete mich selbst. Eine Hirnkreuzende Kugel kann einfach nicht soviel Leid verursachen wie Onkel Herberts Geschichten von Stalingrad und die momentane Konsistenz seines Stuhlgangs.

Für zehn Personen zu kochen bedeutet auch für zehn Personen einzukaufen – sollte man meinen. Aber auch Vetter Gustl meldete seinen Besuch an. Vetter Gustl war so beleibt… nein, beleibt ist wirklich das falsche Wort. Er ist so fett das er eine eigene Gravitation besitzt und mit seinem Bauch kann er richtige Dialoge führen, da dieser schon über eine eigene Intelligenz und Persönlichkeit besitzt. Wenn er ein Gebäude betritt wird das Bauamt informiert und ein Statiker beauftragt, der in der Regel Brücken für Schwertransporte und Panzerüberquerungen berechnet. Ich habe sogar gehört das Vetter Gustl als „extrem erdnaher Mond“ eingetragen werden soll. Zum Glück wohne ich ebenerdig mit der Möglichkeit die komplette Fensterfront in den Garten öffnen zu können. Ich kalkulierte also mit vierzehn Personen und schrieb den neuen Fernseher, den ich diesen Monat kaufen wollte, in den Wind.

Nach dem Einkauf und einer Flut von Tränen lenkte ich meinen VW-Kombi zurück nach Hause und brachte die Lebensmittel innerhalb einer halben Stunde von der Garage in die Küche. Ich legte mir die Rezepte bereit, band meine „Küss den Koch“-Schürze um und fing an die halbe Sau auseinander zu nehmen. Als mir noch mal kurz die angekündigte Verwandtschaft in den Sinn kam, dachte ich fast liebevoll an den Schlachter mit seinem Bolzenschussgerät. Aber es musste ja sein. Ich zog meinen Kopf wieder aus dem Backofen und machte mich daran das Gemüse zu schälen. Eineinhalb Stunden, zwei fast abgesäbelte Finger und beträchtliches Vorkosten bestimmter Ingredienzien für die Weißweinsoße später, köchelte alles vor sich hin und ich konnte mich auf das Sofa fallen lassen.

Die Nachmittagssonne brach sich in der potthässlichen Vase von Oma Trudi die sie mir einst schenkte und die heute ihren Weg aus dem hintersten Winkel des Dachbodens auf den Esstisch fand. Sie wird sicher nach ihr fragen wenn sie nicht auf den Tisch steht. Und wie erklärt man einer 95’jährigen das die Vase so hässlich ist, dass die Blumen sofort freiwillig verwelken nur um da nicht rein zu müssen. Nach dem kollektiven Selbstmord eines Strauß Tulpen wusste ich: Auch Pflanzen haben Gefühle“. Meine Nase, und vor allem der Feuermelder, verrieten mir dass das Essen schon langsam fertig sein müsste. Nachdem der Feuermelder fachmännisch durch einem gezielten Schlag mit einem neuner Eisen ruhig gestellt wurde, deckte ich den Tisch und bereitete die Speisen zum servieren vor. Mittlerweile war es fast 18 Uhr und das gequälte Klingeln der Türschelle kündigte das drohende Unheil an.

Ich öffnete die Tür. „Hallo Oma Tru..“ „Du bist jetzt 31 Jahre alt und hast noch immer keine Frau im Haus! Wie stellst Du dir das vor? In Deinem Alter hatte ich schon sechs Kinder. Und was macht mein Herr Enkel?“ „Aber..“ „Nichts aber! Es wird Zeit das Du heiratest und ein paar Kinder machst. Wie das funktioniert hat Dir Dein missratener Vater hoffentlich erzählt. Glaub mir mein Junge, du bist das einzige was dieser Taugenichts zu Stande gebracht hat und wenn ich mir dich so ansehe, hat er sogar das vermasselt. Wo ist das Essen?“. So viel zu Oma Trudi. Im Altenheim hat sie einen Verschleiß von etwa drei Pflegern pro Monat und ich frage mich, wo die noch welche her bekommen. Hinter Oma sah Mutti zu Vati und fragte ihn „Du hast es ihm doch erzählt oder?“ Vati sah mich an und ich erinnerte mich den Playboy den er mir zu Aufklärung schenkte und an das Geschrei in der Nachbarschaft, als ich anfing im Winter anatomisch korrekte Schneefrauen zu bauen. Gott, ich bin 31 und weiß durchaus wie man Kinder macht, konnte das aber bis dato durch geschickten Einsatz von lustigen Gummihütchen verhindern. Meinen Freundinnen erzähle ich immer, dass ich ein Waisenkind bin, dessen ganze Verwandtschaft bei einem Afrikaurlaub von Kannibalen gefressen wurde. Das mache ich immer so, seit Mutti meiner ersten Freundin erklärt hat welche Gute-Nacht-Geschichten ich hören will wenn man mich um halb acht ins Bett bringt. Meine erste Freundin hatte ich übrigens mit 26.

Eine hektische Betriebsamkeit im Seismologischen Institut schräg gegenüber informierte mich über die baldige Ankunft von Vetter Gustl. Aber wir waren erst bei Stärke 2,4 auf der nach oben offenen Richterskala und so konnte ich mir ausrechnen, das er noch mindestens eine viertel Stunde brauchte. Dafür traf mein Bruder Frank ein. Frank bezeichnete sich immer als Geschäftsmann und je nachdem welche Maßstäbe man ansetzte, konnte das sogar stimmen. Die Staatsanwaltschaft hatte zwar andere Bezeichnungen für ihn, aber das störte Frank nicht. Er stand immer mit einem Bein im Betonschuh und sollte es mal soweit sein das er die Schiffe an ihren Schrauben erkennen könnte, würde mich das nicht wundern. Der Satz „Frank ist untergetaucht“ hätte auf einem mal eine völlig neue Bedeutung. Nach und nach trafen alle ein. Bevor ich hinter Gustl die Tür schloss winkte ich den Leuten vom Straßenbauamt zu. Sie winkten zurück. Nein, sie winkten zu Cousine Susi. Wie soll man Susi beschreiben? Sie hat ein riesiges Gehirn. Allerdings ist dieses in ihre Möpse gerutscht die immerzu versuchten aus ihrem Ausschnitt zu hüpfen. Das Vakuum in ihrem Kopf hat sie in der Zwischenzeit mit Kaugummi gestopft und somit wackelt ihr Kopf im Wind nicht mehr so schnell hin und her. Da sieht man mal wieder zu was Massenträgheit gut ist. Ob sie dumm ist? Naja, wie soll ich sagen… der Trick ihr zu erzählen man sei Arzt und wolle nur mal eben mit einem speziellen Thermometer Fieber messen, funktioniert bei ihr. Sie ist so dumm wie Frank kriminell ist. Hoffentlich finden die beiden nie zueinander und zeugen Kinder.

Oma Trudi hatte inzwischen angefangen alles was sie in meiner Wohnung für Gerümpel hielt in die Mülltonne zu schmeißen. Ich schob sie sanft ins Esszimmer und fischte seufzend mein 500 Euro Handy zwischen meinen CD’s aus dem Papierkorb. Vetter Gustl führte ein angeregtes Gespräch mit seinem Bauch und sie spekulierten was es heute zu essen geben würde. Mathildas verdorbene Frucht ihrer Lenden namens Sven raste in der Wohnung herum und sorgte dafür, dass ich in Zukunft zwei Vasen weniger putzen musste. Um den schönen Läufer im Flur kümmerte sich Ignaz, diese Promenadenmischung dessen Stammbaum einen tropfenden Wasserhahn und einen Autoskooter beinhaltet haben muss. Ich packte das Vieh am Genick und freute mich als ich erblickte, dass das Eisfach meines Kühlschranks noch offen war. Mit Schwung landete Ignaz neben Tiefkühlhähnchen und Instantpommes und würde bald eine Körpertemperatur haben, die ausreichte eine Flasche Sekt eine ganze Weile kühl zu halten. Ich überlegte kurz, aber Sven passte da nicht hinein. Aber bei bedarf könnte ich ja auf den Backofen zurückgreifen. Wenn man diesen kleinen Schmarotzer nur ordentlich verschnürt, könnte das klappen.

Als ich in das Esszimmer zurückkehrte unterhielten sich Tante Mathilda und Tante Ursel über Stützstrümpfe und Krampfadernbehandlungen. Vetter Gustl redete mit seinem Bauch der beständig antwortete, Mutti hielt Frank einen Vortrag was sein kriminelles Wesen anging und Vati versuchte sich gerade mit einem Besteckmesser die Pulsadern aufzuschlitzen, weil Onkel Herbert ihm in aller Ausführlichkeit von seinem künstlichen Darmausgang berichtete. „Was für eine Bruchbude. Und lauter Schund. Aber vermutlich bist Du zu dämlich dir eine Frau zu angeln. Wie Dein Vater. Keine Ahnung wie er Deine Mutter bekommen hat.“ Oma Trudi war in ihrem Element. Ich servierte die Vorspeise, eine leckere Pasta und eine Gemüsesuppe. Onkel Herbert war entzückt. „Prima, von so was bekomme ich immer festen Stuhl. Mein Arzt sagt das ist wichtig“. Ich versuchte nicht hinzuhören. „Was ist das für eine Brühe?“ „Gemüsesuppe, Oma“ „Sieht aus wie schon mal geschlürft“. Ich seufzte tief. „Wenn Du eine Frau hättest, hättest Du heute nicht kochen müssen, Enkel.“ „Ich habe aber keine Frau, Oma“ „Bist Du schwul? Ich habs gewusst, wenn mein Sohn einen Sohn fabriziert, und weiß der Teufel wie er herausgefunden hat wie das geht, kann nur so eine Schwuchtel dabei heraus kommen“ „Ich bin NICHT schwul, Oma. Aber ich hab einfach noch nicht die richtige gefunden.“ Papperlapapp, die Richtige.. Pah. Ihr Männer seid alle gleich. Du meinst Du hast noch keine gefunden die dich Versager gewollt hätte und große Möpse hat“ „OMA!“ „Ist doch wahr“. Gott sei Dank wurden gerade alle mit der Vorspeise fertig und ich konnte in die Küche verschwinden um den Hauptgang zu holen.

Mathilda und Ursel waren bei Rheuma und Gicht angekommen. Onkel Herbert berichtete wie er in Stalingrad ganz allein gegen drei Dutzend Russen gekämpft hatte, und seinen Ausführungen nach zu urteilen musste er über unendlich viel Munition verfügt haben und die Stadt in Blut ertrunken sein. Vati versuchte sich mit einer Gabel zu erstechen. Frank bat Mutti um ein Alibi für vorgestern und Sven hopste auf Gustls Bauch herum. Oma Trudi versuchte gerade einen Roy Lichtenstein von der Wand zu nehmen um ihn der städtischen Müllabfuhr zuzuführen. Ich servierte Schweinsgeschnetzeltes und Onkel Herbert lachte auf „Haha, so hat der Russe auch ausgesehen nachdem ich ihm eine Handgranate an die Birne geschmissen hatte“ Schade, das der Russe nicht die Zeit hatte zurück zu werfen, dachte ich. Sven mochte offensichtlich kein Geschnetzeltes, er dekorierte damit lieber meine Tapeten neu. Tante Ursel fragte nach ihrem Zwergpinscher, ich verdrehte die Augen und Tante Mathildas Magen hielt Onkel Herberts Stalingrad-Geschichte nicht stand. Sie reiherte unter den Tisch, Sven schleuderte den ganzen Teller quer durch den Raum, Gustl lies einen Furz fahren, der in den USA gereicht hätte halb Texas in der Gaskammer damit auszulöschen und Oma Trudi dezimierte ihren Tellerinhalt mit angewiderten Gesicht, indem sie ihn in den Mülleimer entsorgte. Vati hatte endlich mit der Gabel Erfolg und sein glückliches Lächeln begrub seinen Teller unter sich. Tante Ursel bekam einen Schreikrampf als sie einen Eiswürfel mit Hundehalsband im Eisfach entdeckte und die Fenster im ganzen Haus splitterten als ein Sonderkommando der Polizei das Haus stürmte. Sven hatte in der Zwischenzeit Streichhölzer gefunden und versuchte die Brennbarkeit meiner Gardinen zu ermitteln, als der nächste Pubs von Vetter Gustl zu einer spontanen Verpuffung führte. Zwei Beamten der SoKo räumten den ganzen Tisch ab als sie Frank wegen einer ganzen Latte von Delikten verhafteten und meine Mutter hielt ihm währenddessen eine Standpauke. Tante Ursel brach in einem Weinkrampf zusammen, während Vati aus dem Haus getragen wurde. Mutti fragte laut wer in Zukunft den Rasen mäht und Tante Mathilda verteilte eifrig ihren Mageninhalt während sie nach draußen stolperte. Onkel Herbert brachte mit weiteren Stalingrad Geschichten zwei Polizisten dazu ihre Waffen erst gegen sich zu richten und dann nach kurzem Überlegen, gegen Onkel Herbert. Nun ja, seinen künstlichen Darmausgang würde er in Zukunft nicht mehr benötigen.

Als das Sonderkommando mit Frank abgezogen und auch der Rest der Verwandtschaft gefahren oder abtransportiert war, stand ich vor meinem brennenden, zerstörten Haus und bemerkte gar nicht Susi, die sich im Gebüsch mit drei Polizisten vergnügte. War vermutlich dienstlich. Hatte ich eigentlich erwähnt dass ich das Rezept für das Geschnetzelte in einer Ausgabe von „Meine Familie und ich“ gefunden hatte? Das zarte Heulen der Feuerwehrsirene holte mich wieder auf den Steinboden der Tatsachen zurück und erinnerte mich daran, das ich ein Jahr Zeit hatte. Ein Jahr um mich für das nächste Essen im Kreise der Familie zu rüsten.

Diese Geschichte erschien ursprünglich im November 2004 im Online Satire Magazin ZYN!

Auf halber Flamme von Alexander “Alexx” Ebner steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.